SoKo 42

Es regnet und es ist dunkel. Die Uhr zeigt 16:30 Uhr - gefühlte 20:30 Uhr. Das Wetter gibt sich alle Mühe, endlich den Winter einzuläuten. Mein innerer Kalender will das aber einfach nicht akzeptieren. Gerade war es doch noch Sommer und

von Herbst war auch noch nichts zu spüren. Die letzten Wochen und Monate sind wie im Fluge vergangen. Ich erinnere mich noch an den ersten Tag nach meinem Sommerurlaub. Ich war noch gar nicht richtig im Job, hatte stattdessen noch die tollen Tage in Frankreich im Kopf. Ich saß bei meinem Chef im Büro und schaute den weissen Wolken zu, die gemächlich durch das strahlende Blau des Himmels streiften. Innerlich wusste ich, das etwas auf mich zukommt. Normalerweise kam mein Chef bei mir vorbei und rief mir für ihn wichtiges und für mich belangloses zu. Meistens hatte ich es schon wieder vergessen, bevor er auch nur ausgesprochen hatte. Es waren die wirklich wichtigen Dinge, die mich in seinem Büro erwarteten. So wie damals, als er mir meine Ernennung zum Chef der Kripo avisierte. Lange hatte er von seinem Job gesprochen, wie wichtig und bedeutend dieser doch sei und dass er diesen nun wegen seiner Beförderung aufgeben muss. Er konnte einem schon fast leid tun. Dann, ohne Vorankündigung, meinte er, dass ich wohl der geeignete wäre, um seinen Platz einzunehmen.
Seid diesem Tag hat sich nicht wirklich was geändert. Er blieb in seinem Büro, verdient mehr Geld und ich mache den gleichen Job mit dem Bonbon, etwas mehr Papierkram erledigen zu dürfen. Seine neue Stelle wurde neu geschaffen und ist eigentlich für nichts gut, aber, es gibt, wem auch immer, wohl ein gutes Gefühl.
Mein Chef kommt die Tür hinein und begrüsst mich wie einen alten, aber nicht nicht besonders guten, Freund. Halt doch einfach den Rand, denke ich bei mir, und sag, was du zu sagen hast. Dann erzählt er mir, dass die Welt sich täglich verändern würde und die Art der Verbrechen ebenso. Wir müssten reagieren und neue Wege einschlagen. Er hätte das nach langen Studien und Analysen festgestellt (dass ich nicht lache!) und mit dem Innenminister besprochen. Natürlich wäre sein Vorschlag zur Lösung des Problems, aufgrund seiner Spürnase und seinen analytischen Fähigkeiten, akzeptiert worden. Er hätte nun die Aufgabe seine Lösung umzusetzen und dabei würde er voll auf mich bauen. Sie, sagte er zu mir, sind der neue Chef der SoKo 42!
Ach wäre ich doch nur in Frankreich geblieben. Einen schönen Pinot Noir, ein Baguette und Fromage bis zum abwinken, dazu einen Hauch Sonne, Sand und Meer. Die Franzosen haben´s wirklich drauf..
Das war, als der Himmel noch blau und die Wolken noch weiss waren. Heute ist über mir nur noch grau und dunkel und ich finde einfach keine heisse Spur. Jede Einzelheit habe ich hunderte Male von allen Seiten beleuchtet. Jedes kleinste Detail könnte mich auf die richtige Spur bringen. Was habe ich übersehen? Wen könnte ich noch befragen und wann werde ich diesen Fall nur lösen?
Seit 23 Jahren mache ich diesen Job und noch immer habe ich alle Fälle gelöst. Viele Sackgassen und Einbahnstrassen habe ich kennengelernt. In vielen krankhaften Gehirnen habe ich herumgestöbert und versucht zu verstehen, ob, wie und warum irgend welche Synapsen so ticken, wie sie ticken. Manchmal habe ich mich gefragt, ob sich solche Gedankengänge auch in meinem Gehirn irgendwann mal festsetzen könnten. Ich hoffe nicht! Jetzt sitze ich hier und zum ersten Mal habe ich keine Ahnung wie ich vorgehen soll. All die vielen Erfahrungen bringen mich nicht weiter. Seltsam, gerade diese Erfahrungen haben mich zum Chef der Sonderkommission 42 gemacht. Warum Sonderkommission 42? Eine bescheuerte Idee von meinem Chef eben. Der ist in Gedanken doch nur im Weltall unterwegs und sucht kriminelle grüne Wesen. Das ist ja auch viel einfacher, als seinen Hintern in die letzten Winkel der Wirklichkeit zu bewegen. Man müsste sich ja in Gefahr begeben und sich mit den Leuten in den Niederungen des Alltags abgeben. Mit seinem pastoralischen Geschwätz hat er es wirklich weit gebracht. Ich frage mich nur hin und wieder, wie blöde seine Chefs sein müssen... Wie gesagt, die 42 ist für die in den Weltraum gepolten Menschen eine magische Zahl. Des Weltall´s Problem ist, das die Lösung - nämlich die Zahl 42 - bekannt ist, niemand jedoch die passende Frage dazu gefunden hat. Irgendwie passt das zu meinem Chef. Der glaubt auch immer die Lösung zu kennen, dabei versteht er noch nicht mal die Frage (aber das ist eine ganz andere Geschichte).
Wir sind eine kleine Truppe von Spezialisten, die speziell für innovative Fälle gegründet wurde. Ja, so sagte mein Chef einmal beim Mittagessen in einem Ristorante um die Ecke. Wir hatten gerade eine Fischplatte für 2 Personen gegessen (ich durfte eigentlich nur mit, weil der Tischnachbar meines Chefs kurzfristig abgesagt hatte und das Essen schon bestellt war) und tranken Espresso. Wie gerne hätte ich dabei eine Zigarette geraucht, statt mir das Gelaber von innovativen Verbrechen und deren Klärung anzuhören. Deshalb weiss ich auch nicht mehr genau, was er damit meinte. Mir ist nur das Wort innovativ hängen geblieben. Wir kommen alle vom BKA und haben zusammen über 200 Jahre kriminalistische Erfahrung auf dem Buckel. Dies ist der erste Fall und wir stehen vor unserer Bewährungsprobe. Geht sie schief, dann ist es auch schon wieder vorbei. Und das ist genau das Problem, dieser erste Fall. Die Stimmung dieses tristen Sonntags passt genau zu diesem Fall. Man sieht alles nur verschwommen, grau in grau, und eigentlich möchte man einfach nur ins Bett und schlafen. Es regnet immer noch und die Uhr zeigt 17:57 Uhr. Bei diesem Wetter braucht man die Uhr wie einen Kompass, um sich nicht im Tag zu verlieren. Ich muss mal schnell in den Ofen schauen, was der Putenbraten macht, den ich heute morgen im Bräter kurz angebraten, mit einem Sauvignon blanc abgelöscht und mit frischen Zwiebeln und ein paar geheimen Kräutern trappiert habe. Muss ihn jetzt mal zum Schwitzen bringen, dass er nachher richtig gut in Schuss ist. Bin noch am überlegen, ob ich Spätzle dazu machen soll....
Rauche jetzt erst mal ne Zigarette, ist ja schliesslich Sonntag (und es regnet immer noch).
Das war eine gute Idee. Ich hatte den Gedankenblitz! Der Fall ist gelöst und ich bin mehr als jeder andere selbst überrascht. Es war, das muss ich wirklich zugeben, ein innovatives Verbrechen. Global galaktisch gesehen eine Meisterleistung. Um so bedeutender, dass ich ihn gelöst habe. Wahrscheinlich wäre kein anderer auf die Lösung gekommen und somit hatte mein Chef sehr wohl richtig damit gelegen, mich als Chef der SoKo 42 einzusetzen. Wieder ein Fall gelöst und ich kann mich auf mein leckeres Dîner freuen. Was trinke ich denn gutes dazu? Keine Ahnung, aber dieses Rätsel werde ich auch noch lösen.