Kinderträume
hat sich eine Delle beim Einparken in den Kotflügel gefahren und
das Ehepaar blieb gar auf der Fahrt in den Supermarkt ganz liegen.
Für das Geschäft ist das natürlich gut. Ich habe eine kleine
Werkstatt, kann mir gerade noch 2 Mitarbeiter leisten. Dafür muss
ich aber auch immer genug zu tun haben.
In der letzten Zeit kann ich mich vor Arbeit überhaupt nicht mehr
retten. Gott sei Dank! Aber heute hat sich schon wieder jemand
beschwert, weil ich sein Auto nicht pünktlich fertig bekommen habe.
Ärgerlich, aber das lässt sich auch nicht mehr ändern. Irgendwann
mußte das ja mal passieren. Hoffentlich werden Klaus und Michael
nicht krank. Die Urlaubszeit ist auch schon wieder vorbei.
Eigentlich wollte ich ja mal mit Eva und unserem kleinen Manuel ein
paar Tage wegfahren. Jetzt ist es Oktober, es wird schon wieder
kalt und die Leute lassen Ihre Autos für den kommenden Winter fit
machen. Letztes Jahr war die Hölle. Aber Weihnachten war schön und
Manuel hat sich sehr über sein neues Fahrrad gefreut.
Das Wasser in der Badewanne ist angenehm warm. Langsam weicht die
Kälte aus meinem Körper und der Duft umhüllt meine Nase. Ich greife
auf den Hocker neben der Badewanne, um meine Autozeitschrift zu
nehmen. Stattdessen liegt ob auf ein Kinderbuch von Manuel. Von
Manuel klingt gut, er kann gerade mal laufen. Eva liest Manuel oft
aus dem Buch vor. Er schaut dann meist an die Decke, laucht den
Worten und träumt vor sich hin. Irgendwann macht er dann die Augen
zu und dann rätseln wir immer, ob er schon schläft oder einfach nur
in Gedanken der Geschichte folgt. Wahrscheinlich werden wir das
Rätsel nie lösen.
Ich betrachte den kräftigen Deckel des Buches und das Bild unter
dem überdimensionalen Titel. Ein Bär sitzt auf dem Boden und
betrachtet eine Sonnenblume. Er lehnt mit dem Rücken an einem
dicken Baumstamm und zwischen seinen Lippen schaut ein Grashalm
hervor. Er lächelt und scheint vertieft in die Sonnenblume. An was
wird der Bär wohl denken? Denkt er an die Sonne oder denkt er
darüber nach, ob er sie essen soll? Essen Bären überhaupt
Sonnenblumen? Ich weiss es nicht, aber je länger ich das Bild
betrachte, um so mehr denke ich über diese Sonnenblume nach und was
man damit machen könnte. Sonnenblumen kann man in einer Vase auf
den Tisch stellen und sich über den Anblick freuen. Man kann Sie im
Garten anpflanzen oder man kann sie trocknen und als Trockengesteck
auf den Tisch stellen. Sonnenblumen sind am schönsten, wenn sie
blühen. Sonnenblumen haben schöne gelbe Blätter. Sonnenblumen sind
groß und wenn die Blüte vorbei ist, dann sehen Sonnenblumen ganz
traurig aus. Der Bär lächelt. Ob dem Bären die Farbe der Blätter
gefällt? Wie lange sitzt der Bär schon vor der Blume? Ich schätze
mal mindestens sieben Monate, denn vor ungefähr sechs Monaten
haben wir das Buch gekauft. Bin ich bescheuert? Was mache ich mir
für Gedanken?
Ich lasse mir noch ein bischen heisses Wasser in die Wanne laufen.
Hm, tut das gut! Die Haut an meinen Fingern wird schon ganz weich.
Hoffentlich bekomme ich keine Schwimmhäute. Der Bär betrachet immer
noch die Sonnenblume und ich überlege, ob er vorhin schon den
Grashalm auf der linken Seite hatte oder doch eher rechts. Er
lächelt aber immer noch! Was ist nur an dem Bild so seltsam, damit
ich es mir immer und immer wieder anschaue. Ein Bär sitzt angelehnt
an einen dicken Baumstamm und betrachet eine Sonnenblume. Das ist
doch wirklich nichts unnormales, oder? Hm, ist es normal, daß ein
Bär vor einer Sonnenblume sitzt? Ich fange langsam an darüber
nachzugrübeln, ob es eher der Bär ist oder die Sonnenblume, die
mich so magisch anzieht. Ich finde keine Lösung. Warum malt jemand
so ein Bild auf ein Kinderbuch. Ja, dass Buch handelt von einem
Bären. Warum soll dann kein Bär auf dem Buch sein? Aber warum
zieht mich dieses einfache Bild mit dem Bären und der
Sonnenblume so an? So ein Quatsch. Ich denke jetzt nicht mehr
darüber nach!
Das Wasser tut gut und der Lavendelduft des Badeöls auch. Ich
schliesse meine Augen und denke.....
an die Sonneblume. Die gelb-orangenen Blätter bilden einen Kranz um
das dunkle Innere. Wie gleichmässig die Blätter gewachen sind. Sie
sehen aus wie eine Krone. Die Krone des Sonnengottes. Majestätisch,
wie sie strahlt. Eine bezaubernde Schöpfung der Natur. Ich habe das
Gefühl sie will mir etwas mitteilen. Eine angenehme Ruhe macht sich
breit. Meine Beine werden ganz leicht. Meine Schultern entspannen
sich. Ich lächle und die Sonnenblume lächelt zurück.
Das kühle Wasser lässt mich aufwachen. Ich springe aus der Wanne
und trockne mich ab. Eva ist in der Küche und kocht. Es riecht
lecker. Manuel ist schon im Bett und schläft. Es ist spät, es war
mal wieder ein langer Tag. Ich setze mich an den Esstisch. Eva hat
ein neues Blumengesteck auf den Tisch gestellt, mit einer
Sonnenblume als Krone. Ich lächle. Jegliche Spannung entweicht aus
meinem Körper. Sie ist schön und ich bin glücklich. "Na, mein
Bärchen. Geht es Dir gut?", sagt Eva, als sie das Essen auf den
Tisch stellt. Ich lächle sie an und sage "ja, es geht mir gut und
ich bin glücklich!"/p>

