Die Frau an der Haltestelle
auch schon wieder einige Sekundenbruchteile und so entschliesse
ich mich den Hörer abzunehmen. Immer das selbe, jetzt ärgere ich
mich schon wieder über mein Pflichtbewusstsein, den Hörer immer
noch in der Hand. Hallo, wer ist da? Ich bin eigentlich schon gar
nicht mehr da! Nein, dass hat doch bestimmt Zeit bis
morgen....
Mist, wieder ärgere ich mich über mich selbst. Jetzt war ich schon
wieder fast zehn Stunden im Office, wo ich doch meiner Frau
versprochen habe früher zu kommen. Gäste haben sich angesagt,
Essen, quatschen und einfach ein bischen Spass haben. Wann wollten
sie kommen, um 20 Uhr? Ich schau auf die Uhr. Hm, ich habe noch 30
Minuten, der Bus fährt 20 Minuten, zur Haltestelle sind es 3
Minuten. Passt, der Bus hält quasi vor unserer Haustüre. Passt? Ich
schaue wieder auf die Uhr. Oh, mein Gott, der Bus fährt in 4
Minuten. Jetzt aber schnell, Mantel, Schal und Tasche und nix
wie weg. Ich hechte durch die Tür und stehe vor´m Aufzug, Blick
nach oben, E steht in leuchtendem Rot auf der Anzeige des
Fahrstuhls. Ich bin in der vierten Etage und bin mir ziemlich
sicher, jetzt nicht wieder die Gewissensfrage über die Schaltung
der Aufzüge zu stellen, sondern schnell die Treppen nach unten zu
nehmen.
Ich habe Glück, keiner der lahmen Kollegen aus den unteren Etagen,
die mich in meinem Treppenrennen aufhalten. Noch eine Tür, ein
Drehkreuz und nichts kann mich mehr aufhalten! Die kühle Luft tut
gut.
Von Weitem kann ich schon die Haltestelle sehen. Ich fühle mich
unheimlich gut, endlich schaffe ich es mal wieder zu pünktlich nach
Hause zu kommen. Meine Frau hat ja keine Ahnung, was für
Anstrengungen ich hinter mir habe. Egal, es wird bestimmt ein
toller Abend, so, wie schon lange nicht mehr.
Jetzt sehe ich auch schon den Bus am Horizont. Bestimmt wieder
überfüllt, warum können die Stadtwerke denn nicht mal grössere
Busse einsetzen. Egal, ich kann meinen Schritt jetzt etwas
verlangsamen. Bin schon wieder ausser Atem. Morgen werde ich
bestimmt mal wieder zum Joggen gehen. Hoffentlich komme ich morgen
etwas früher raus.
Der Bus ist kurz vor der Haltestelle. Ich auch. Gegenüber sehe ich
andere Leute in Richtung Haltestelle laufen. Jeden Abend das selbe
Bild. Ha, ich bin wenigstens schon auf der richtigen Strassenseite
- bei diesem Verkehr ein wahrer Segen. Plötzlich ein Knall, dann
Reifenquietschen oder war zuerst das Reifenquietschen. Ich schau
zur Seite und sehe auf der Strasse eine Frau liegen. Sie liegt auf
der Seite, ohne sich zu bewegen. Die langen blonden Haare breiten
sich über ihre Schultern und den Asphalt. Die blauen,
ausgewaschenen Jeans betonen ihre schlanke Figur und das weisse
T-Shirt bildet einen wunderschön Kontrast zu ihren schlanken und
sonnengebräunten Armen. Viel mehr kann ich von dieser
gutaussehenden Frau nicht erkennen, da sich schon diverse Passanten
um sie kümmern. Der Bus hält. Ich überlege kurz, ob ich die Frau
wirklich so zurück lassen kann. Wie kann ein Autofahrer eine
so bezaubernde Frau anfahren? Was würde ich machen, wenn meiner
Frau so etwas passiert. Oh, Gott, daran darf ich gar nicht denken.
Ich werde sowieso schon nervös, wenn meine Frau mit öffentlichen
Verkehrsmitteln in der Stadt unterwegs ist. Heutzutage!
Ich finde, erstaunlicherweise, sofort einen Sitzplatz. Seltsam,
plötzlich denke ich nur noch daran, wie ungerecht die Welt
doch ist. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich. Der Busfahrer
schliesst die Tür. Das letzte bischen frische Luft ist nun
endgültig nach draussen verbannt. Ich blicke zum Fenster raus. Da
ist sie wieder, die blonde Schönheit, und dreht sich im gleichen
Augenblick um. Dunkle Augenbrauen, breite Nase und einen
Oberlippenbart. Ein Mann! Kein Wunder, denke ich. mit
den Haaren muss ja sowas passieren.
Ich schau auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten. Meine Muskeln
entspannen sich merklich. Ich hab´s geschafft -
pünktlich!

