Der Koch, Teil 1
Den ganzen Tag habe ich mich auf den Abend in dem kleinen italienischen Ristorante an der Ecke Hauptstrasse/Hugenottenallee gefreut. Das letzte Mal war ich mit Clara da und wir hatten leckere Pasta und einen von Toni´s importierten Roten. Heute sollte es wieder ein besonderer Abend werden, denn ich habe nach langen und unzähligen Versuchen Susanne endlich dazu bekommen...
mich zu begleiten. Ich weiss nicht, was mich an der Frau so fasziniert, wahrscheinlich ihre Kühle und Unnahbarkeit. Um so mehr bin ich aufgeregt und habe Toni vorgewarnt, damit er sich nicht verplappert. Heute gibt es Seewolf an einer Komposition selbstgemachter Pasta. Dazu gibt es Tomaten mit einer Olivenöl-Koriander-Vinaigrette. Die Vorspeisse habe ich Toni überlassen, soll für Susanne und mich eine Überraschung sein. Die Zeit eilt. In einer halben Stunde will ich Susanne abholen und ich muss mich noch umziehen. Zu Fuss brauche ich 10 Minuten. Jetzt aber los. Ich ziehe meine neue Jeans an. Keine Ahnung, was Susanne anzieht. Dazu werde ich das weisse Hemd mit dem grossen Kragen und den silbernen Manschettenknöpfen anziehen. Der oberste Knopf bleibt auf, unauffällig und mit einer Spur von Lässigkeit. Der graue Sportblazer und fertig. Jetzt, da ich so darüber nachdenke, bin ich mir nicht sicher, ob das wirklich das richtige ist. Ich kann es nicht ändern. Die Atmosphäre bei Toni wird ihr übriges tun, Kerzenschein, kleine gemütliche und ungestörte Sitzecken mit viel Stein, Holz und Andenken aus Toni´s Heimat an der Wand. Ich gehe los. Es ist kalt geworden. Vielleicht hätte ich noch eine Jacke mitnehmen sollen. Um die nächste Ecke und ich bin da. Ich klingele bei Susanne an der Tür und warte einen Moment und noch einen und noch einen. Ein merkwürdiges Gefühl überkommt mich. Wollte Sie mich nur reinlegen? Kommt Sie gar nicht mit? Hatte sie sich nur nicht getraut, mir zum hundertsten Mal abzusagen? Die Tür geht auf. Ich warte auf eine Ausrede, aber stattdessen steht Susanne weg-geh-bereit vor mir und lächelt mich an. Wir gehen die paar Schritte zu Toni. Ein Gespräch will nicht aufkommen. Wir gehen beide in Gedanken versunken durch den kühlen Abend. Wir öffnen die schwere Holztür und treten in eine andere Welt. Italien pur, aber nicht das kitschige wie in vielen billigen Pizzabuden. Nein, hier hast du wirklich das Gefühl im fernen Süden zu sein. Du hast plötzlich das Gefühl von Freiheit, Urlaub und es würde dich nicht wundern, wenn auch Dottore Brunetti die Tür herein kommt. Toni´s Frau, eine reinrassige südländische Schönheit, zeigt uns unseren Tisch. Ganz hinten, in der Nähe des offenen Kamines. Wie immer hat Toni den richtigen Platz ausgesucht. Mit dem hauseigenen Apperitif starten wir in den Abend. Ich habe Toni schon hundert mal gefragt, was er da in den Prosecco macht, aber er lächelt immer nur und klopft mir auf die Schulter. Ich frage Susanne, ob sie etwas gegen Fisch einzuwenden hat und freue mich über ihren Geschmack, denn sie liebt Fisch. Ehrlich gesagt, habe ich auch nicht daran gezweifelt, dass sie mit Italiener nicht nur Pizza und Lambrusco verbindet. Schliesslich ist Toni ja auch keine Pizzeria. Die Vorspeise wollte Toni unbedingt selbst auswählen. Bin mal gespannt, was er sich diesmal ausgedacht hat. Toni ist weit und breit bekannt für seine ausgefallenen Arrangements - so würde ich seine Kompositionen am treffendsten beschreiben. Normalerweise lässt es sich Toni nicht nehmen, seine Kreationen persönlich am Tisch anzupreisen. Susanne lächelt mich an und warte wohl auf den Beginn von.... Tja, von was eigentlich? Plaudern über Gott und Welt, das Essen, den Wein, weltmännische Erfahrungen oder die Firma? Heute ist irgendwie alles anders. Ich bin überhaupt nicht bei der Sache, bei Susanne besser gesagt. Irgend etwas stört mich heute. Das gibt es doch gar nicht. Ich habe so lange auf diesen Abend mit Susanne gewartet und jetzt das. Gibt es Viagra für die Seele? Der Kamin knistert, eine bezaubernde Frau sitzt vor mir und ich denke an Viagra für die Seele. Bin ich bescheuert? Ist das die Strafe für meine ständigen Frauengeschichten? Gibt es irgendwo einen Big Brother, der mich an einer langen Leine führt und jeden Schritt und Tritt verfolgt? Muss ich jetzt für das büssen, moment mal, für was eigentlich. Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen und habe auch niemanden verletzt. Susanne prostet mir zu. Ich schüttle den Kopf und entschuldige mich für meine geistige Abwesenheit. Oh, wie peinlich! Was ist nur heute mit mir los. Ich fange ein belangloses Gespräch über Toni´s Vorspeisen an. Wahrscheinlich ist das der Grund. Ich warte auf Toni. Der Blick nach hinten bringt auch nichts neues. Irgend etwas stimmt heute nicht. Soll ich mal nachschauen oder hat Toni nur die Vorspeise versaut und traut sich nicht aus der Küche? Ich werde mal Rosa fragen, wenn sie denn wieder aus der Küche kommt. Ich schaue Susanne in die Augen und erfreue mich an dem blauen Funkeln. Sie hat tolle Augen und eine noch tollere Figur. Ich habe Susanne das erste Mal im Supermarkt gesehen. Sie wäre mir gar nicht aufgefallen, wenn sie mich nicht nach der Uhrzeit gefragt hätte. Was für ein Zufall. Du gehst einkaufen und denkst einfach nur an den leeren Kühlschrank zuhause und dann tritt plötzlich eine bezaubernde Frau in dein Leben und fragt dich nach der Uhrzeit. Dann hat es erst wieder eine Weile gedauert, bis ich sie wiedergesehen habe. Es war, wie könnte es anders sein, im Supermarkt. Diesmal habe ich sie angesprochen. Mir ist in dem Moment nichts blöderes eingefallen, als sie nach dem Badewasserzusatz ihrer Wahl zu fragen. Es ist mir wirklich nichts blöderes eingefallen, aber ich stand halt mal vor dem Regal und wollte sie nicht vorbeigehen lassen, ohne irgendwas zu sagen. Das war für sie wohl sehr überraschend, denn sie konnte im ersten Moment nichts anderes machen, als zu lachen. Dann haben wir beide herzhaft gelacht. Plötzlich geht mit einem Knarren die Küchentür auf und Rosa kommt mit entsetztem Gesichtsausdruck aus der Küche und läuft panisch durch das bezaubernde Ristorante. Bezaubernd sieht sie in diesem Moment aber nicht aus. Auf ihrer weissen Bluse sind grossflächig Flecken verteilt. Rote Flecken. Rot wie Toni´s leckerer Wein aus der Heimat oder rot wie die Tomaten auf der Caprese. Nein, es sieht mehr aus wie das Rot, das dem Menschen am Leben hält. Kein Zweifel, es ist Blut....

