Berufung

Es ist ein Tag im August, als ich mich mit einem alten Freund unterhalte. Er habe gerade gekündigt und fängt noch einmal von vorne an. Ich war nicht schlecht überrascht und konnte meine Verwunderung nur schlecht in Grenzen halten.

Warum auch, die Situation, in der heutigen Zeit, ist für alle gleich und er tut doch nur das, über das viele Leute heute nachdenken.
Wo sind wir nur hineingeraten. Der Staat hat Schulden und muß sparen. Glücklicherweise kann die Regierung noch Steuern erhöhen und so auch an der Schraube der Einnahmenseite drehen. Die Wirtschaft muß angeblich auch sparen, weil doch die Analysten an der Börse in jedem Quartal neue Rekordgewinne sehen wollen. Aber warum müssen die dann sparen, warum drehen die nicht auch an der Einnahmenseite. Tja, das fragen sich viele Leute. Eigentlich müssen sie doch mehr verkaufen, mehr Service erbringen, mehr Werbung machen und mehr Geld in die Erfindung neuer Technologien und Produkte stecken. Sie müssen sich von der Menge unterscheiden, um Wettbewerbsvorteile und damit Marktchancen  zu haben. Stattdessen müssen sie Mitarbeiter entlassen und Aufgaben in sogenannte Billiglohnländer transferieren. Das soll dann Kosten sparen und damit den Gewinn erhöhen. Habe ich damit aber mehr verkauft? Sicherlich nicht und ihren Marktanteil haben sie auch nicht erhöht. Es sei denn, sie senken auch die Preise, um sich dadurch von der Konkurrenz zu unterscheiden - dann nehmen sie doch aber auch weniger ein und die Kostenersparnis ist wieder dahin. Nicht zu vergessen, daß die erzeugten Waren transportiert werden müssen oder die geleisteten Services verwaltet werden müssen - von den Menschen und Organisationseinheiten in den Billiglohnländern mal ganz zu schweigen. Alles in allem also eine doch sehr bedenkliche Entwicklung.
Was hat das Ganze nun mit meinem alten Freund zu tun. Nun, das ist ganz einfach. Auch in unserer Firma stehen die Zeichen auf Offshoring oder Global Sourcing, wie man solche Verlagerungsaktivitäten auch gerne nennt. Das klingt trendy und macht die Unternehmen für Analysten sexy.
Für uns Mitarbeiter bedeutet dies aber schlimmes. Stellenabbau, Kostensenkung und weg von Thesen wie "Mitarbeiter sind das wertvollste Gut eines Unternehmens". Gerade im letzten Jahr wurden Standorte unserer Firma geschlossen. Seitdem gibt es keine Weiterbildung mehr, veraltete PCs werden nicht mehr ausgetauscht, sinnvolle Investitionen werden gestrichen bzw. überhaupt nicht verfolgt und jeder einzelne muss immer mehr arbeiten (die Gehälter steigen natürlich nicht!). Von Strategie ist aus den höheren Etagen nichts zu vernehmen. Im Gegenteil, die Kommunikation nimmt ab und die Lethargie nimmt zu. Untergangsstimmung ist wohl das passende Wort. Von Aufbruchstimmung ist nichts zu spüren.
In solch einer Situation befinden wir uns und je nach Alter wachsen die Befürchtungen, diesen Zustand noch mehrere Jahrzehnte ertragen zu müssen - so man seinen Job noch entsprechend lange bewahren kann!
Ein nicht gerade prickelndes Gefühl. In solch einem Moment denkt wohl jeder mal daran, alles aufzugeben und noch einmal von vorne anzufangen. Wo komme ich her, was wollte ich mal erreichen, was macht mir eigentlich richtig Spass oder wofür fühle ich mich eigentlich berufen? Das sind ganz bestimmt berechtigte Fragen, auch unabhängig von der heutigen Situation. Diese Fragen sollte man sich im Leben durchaus des öfteren Stellen. Ähnliches tun doch Millionen von Menschen in der Silvesternacht.
Beruf kommt Berufung, doch wer fühlt sich von diesem Wortspiel wirklich bestätigt? Es werden wohl nicht sehr viele Menschen sein. Sicher gibt es Ausnahmen. Leute, die als Kind schon genau wussten, was sie einmal werden wollten und es dann auch geschafft haben. Der Normalfall dürfte das aber nicht sein. Ich selbst bin auch mehr oder weniger durch Zufall dort gelandet, wo ich heute beruflich stehe. Klar heißt das nicht, dass mir mein Job keinen Spass macht. Aber fühle ich mich dazu berufen? Wie dem auch sei, diese oder ähnliche Fragen hat sich auch mein alter Freund gestellt und so sein Schritt eingeleitet. Ob es der richtige ist, das wird sich herausstellen müssen. Ich wünsche ihm viel Glück dabei!
Was aber soll ich daraus mitnehmen. Klar habe ich in letzter Zeit häufiger über so einen Schritt nachgedacht. Eigentlich müsste ich mal was ganz anderes machen. Da fallen mir schon ein paar Dinge ein. Aber lässt sich davon leben, gefällt es mir auch dann noch, wenn ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen muss? Wofür fühle ich mich berufen? Was kann ich am besten? Was geht mir mit Freude von der Hand und wobei bin ich wirklich glücklich? Nein, ich will nicht weglaufen. Will nicht fliehen, vor der Last der Situation. Manchmal würde ich gerne dem obersten Boss unserer Firma reinen Wein einschenken. Ihm mal sagen, wie das Geschäft an der Basis läuft. Aber macht das einen Sinn? Was ist mit meinen Mitarbeitern. Kann ich meine Abteilung einfach so im Stich lassen und mich aus dem Staub machen? Soll ich kämpfen. Soll ich meine Ansichten bis zum Letzten verteidigen und versuchen etwas zu bewirken? Will ich das überhaupt? Wieder die Frage nach dem Sinn. Was macht in dieser Situation Sinn? Was will ich wirklich erreichen? Letztendlich will ich doch glücklich sein und mein Leben geniessen.  Es gibt nur eine Lösung. Ich muss mir darüber klar werden, wozu ich mich berufen fühle. Wo ich mich gut aufgehoben fühle und wie ich mir mein Leben vorstelle. Ich muss Träume als solche identifizieren und Ziele daraus ableiten. Ich muss an Lösungen arbeiten, die mich meinen Zielen ein Stück näher bringen. Eine Strategie gilt es zu entwickeln. Genauso wie es jede Firma tun muss.
Worin unterscheide ich mich eigentlich von meiner Firma? Ehrlich gesagt mangelt es mir scheinbar auch an der (richtigen) Strategie, sonst würde ich solche Überlegungen nicht anstellen.
Was würde ich anderen raten? Wie motiviere ich meine Mitarbeiter, die ähnliche Gedanken in sich tragen?
Tja, anderen Ratschläge zu geben ist wohl einfacher. Nein, das ist es nicht. Ich konnte mich schon immer gut in andere versetzen. Dazu ist es aber ungeheuer wichtig, die richtigen Fragen zu stellen. Aha, und wie ist nun die Moral von der Geschichte? Theoretisch ganz einfach: Träume und Vorstellungen analysieren, Ziele abzuleiten, eine Strategie mit Lösungsansätzen entwerfen und dann nur noch umsetzen. Fertig!  Einfach, oder? Klingt wirklich sehr einfach und einleuchtend. Mit solchen Thesen verdienten schon viele Leute viel Geld. Keine Angst, das ist nicht meine Berufung! Diese allerdings zu entdecken, das ist eine ganz andere Geschichte!