Berufung
Warum auch, die Situation, in der heutigen Zeit, ist für alle
gleich und er tut doch nur das, über das viele Leute heute
nachdenken.
Wo sind wir nur hineingeraten. Der Staat hat Schulden und muß
sparen. Glücklicherweise kann die Regierung noch Steuern erhöhen
und so auch an der Schraube der Einnahmenseite drehen.
Die Wirtschaft muß angeblich auch sparen, weil doch die Analysten
an der Börse in jedem Quartal neue Rekordgewinne sehen wollen. Aber
warum müssen die dann sparen, warum drehen die nicht auch an der
Einnahmenseite. Tja, das fragen sich viele Leute. Eigentlich müssen
sie doch mehr verkaufen, mehr Service erbringen, mehr Werbung
machen und mehr Geld in die Erfindung neuer Technologien und
Produkte stecken. Sie müssen sich von der Menge unterscheiden, um
Wettbewerbsvorteile und damit Marktchancen zu haben.
Stattdessen müssen sie Mitarbeiter entlassen und Aufgaben in
sogenannte Billiglohnländer transferieren. Das soll dann Kosten
sparen und damit den Gewinn erhöhen. Habe ich damit aber mehr
verkauft? Sicherlich nicht und ihren Marktanteil haben sie auch
nicht erhöht. Es sei denn, sie senken auch die Preise, um sich
dadurch von der Konkurrenz zu unterscheiden - dann nehmen sie doch
aber auch weniger ein und die Kostenersparnis ist wieder
dahin. Nicht zu vergessen, daß die erzeugten Waren transportiert
werden müssen oder die geleisteten Services verwaltet werden müssen
- von den Menschen und Organisationseinheiten in den
Billiglohnländern mal ganz zu schweigen. Alles in allem also eine
doch sehr bedenkliche Entwicklung.
Was hat das Ganze nun mit meinem alten Freund zu tun. Nun, das ist
ganz einfach. Auch in unserer Firma stehen die Zeichen auf
Offshoring oder Global Sourcing, wie man solche
Verlagerungsaktivitäten auch gerne nennt. Das klingt trendy und
macht die Unternehmen für Analysten sexy.
Für uns Mitarbeiter bedeutet dies aber schlimmes. Stellenabbau,
Kostensenkung und weg von Thesen wie "Mitarbeiter sind das
wertvollste Gut eines Unternehmens". Gerade im letzten Jahr wurden
Standorte unserer Firma geschlossen. Seitdem gibt es keine
Weiterbildung mehr, veraltete PCs werden nicht mehr ausgetauscht,
sinnvolle Investitionen werden gestrichen bzw. überhaupt nicht
verfolgt und jeder einzelne muss immer mehr arbeiten (die Gehälter
steigen natürlich nicht!). Von Strategie ist aus den höheren Etagen
nichts zu vernehmen. Im Gegenteil, die Kommunikation nimmt ab und
die Lethargie nimmt zu. Untergangsstimmung ist wohl das passende
Wort. Von Aufbruchstimmung ist nichts zu spüren.
In solch einer Situation befinden wir uns und je nach Alter wachsen
die Befürchtungen, diesen Zustand noch mehrere Jahrzehnte ertragen
zu müssen - so man seinen Job noch entsprechend lange bewahren
kann!
Ein nicht gerade prickelndes Gefühl. In solch einem Moment denkt
wohl jeder mal daran, alles aufzugeben und noch einmal von vorne
anzufangen. Wo komme ich her, was wollte ich mal erreichen, was
macht mir eigentlich richtig Spass oder wofür fühle ich mich
eigentlich berufen? Das sind ganz bestimmt berechtigte Fragen, auch
unabhängig von der heutigen Situation. Diese Fragen sollte man sich
im Leben durchaus des öfteren Stellen. Ähnliches tun doch Millionen
von Menschen in der Silvesternacht.
Beruf kommt Berufung, doch wer fühlt sich von diesem Wortspiel
wirklich bestätigt? Es werden wohl nicht sehr viele Menschen
sein. Sicher gibt es Ausnahmen. Leute, die als Kind schon
genau wussten, was sie einmal werden wollten und es dann auch
geschafft haben. Der Normalfall dürfte das aber nicht sein. Ich
selbst bin auch mehr oder weniger durch Zufall dort gelandet, wo
ich heute beruflich stehe. Klar heißt das nicht, dass mir mein Job
keinen Spass macht. Aber fühle ich mich dazu berufen? Wie dem auch
sei, diese oder ähnliche Fragen hat sich auch mein alter Freund
gestellt und so sein Schritt eingeleitet. Ob es der richtige ist,
das wird sich herausstellen müssen. Ich wünsche ihm viel Glück
dabei!
Was aber soll ich daraus mitnehmen. Klar habe ich in letzter Zeit
häufiger über so einen Schritt nachgedacht. Eigentlich müsste ich
mal was ganz anderes machen. Da fallen mir schon ein paar Dinge
ein. Aber lässt sich davon leben, gefällt es mir auch dann noch,
wenn ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen muss? Wofür fühle
ich mich berufen? Was kann ich am besten? Was geht mir mit Freude
von der Hand und wobei bin ich wirklich glücklich? Nein, ich will
nicht weglaufen. Will nicht fliehen, vor der Last der Situation.
Manchmal würde ich gerne dem obersten Boss unserer Firma reinen
Wein einschenken. Ihm mal sagen, wie das Geschäft an der Basis
läuft. Aber macht das einen Sinn? Was ist mit meinen Mitarbeitern.
Kann ich meine Abteilung einfach so im Stich lassen und mich aus
dem Staub machen? Soll ich kämpfen. Soll ich meine Ansichten bis
zum Letzten verteidigen und versuchen etwas zu bewirken? Will ich
das überhaupt? Wieder die Frage nach dem Sinn. Was macht in dieser
Situation Sinn? Was will ich wirklich erreichen? Letztendlich will
ich doch glücklich sein und mein Leben geniessen. Es gibt nur
eine Lösung. Ich muss mir darüber klar werden, wozu ich mich
berufen fühle. Wo ich mich gut aufgehoben fühle und wie ich mir
mein Leben vorstelle. Ich muss Träume als solche identifizieren und
Ziele daraus ableiten. Ich muss an Lösungen arbeiten, die mich
meinen Zielen ein Stück näher bringen. Eine Strategie gilt es zu
entwickeln. Genauso wie es jede Firma tun muss.
Worin unterscheide ich mich eigentlich von meiner Firma? Ehrlich
gesagt mangelt es mir scheinbar auch an der (richtigen) Strategie,
sonst würde ich solche Überlegungen nicht anstellen.
Was würde ich anderen raten? Wie motiviere ich meine Mitarbeiter,
die ähnliche Gedanken in sich tragen?
Tja, anderen Ratschläge zu geben ist wohl einfacher. Nein, das ist
es nicht. Ich konnte mich schon immer gut in andere versetzen.
Dazu ist es aber ungeheuer wichtig, die richtigen Fragen zu
stellen. Aha, und wie ist nun die Moral von der Geschichte?
Theoretisch ganz einfach: Träume und Vorstellungen
analysieren, Ziele abzuleiten, eine Strategie mit
Lösungsansätzen entwerfen und dann nur noch umsetzen. Fertig!
Einfach, oder? Klingt wirklich sehr einfach und einleuchtend.
Mit solchen Thesen verdienten schon viele Leute viel Geld. Keine
Angst, das ist nicht meine Berufung! Diese allerdings zu entdecken,
das ist eine ganz andere Geschichte!

