Am ersten Abschlag
Am Sonntag will ich mal wieder zum Golfen. Es ist noch nicht lange her, da habe ich mir vorgenommen, alles ein bisschen ruhiger angehen zu lassen. Golf ist ein Sport, der unheimlich erholsam und gesund sein kann. Es ist aber auch ein Sport, der anstrengend, gemein, erniedrigend und stressig sein kann.
Es ist ganz einfach zu erklären. Du stehst an einem Abschlag
(oder auch Tee genannt) und siehst in weiter Ferne eine Fahne
stehen. Da muss dieser kleine Ball hin. Abhängig von der Länge vom
Abschlag bis zur Fahne ist die Bahn in 3, 4 oder 5 Schlägen (das
heisst dann Par 3, Par 4 oder Par 5) zu bewältigen. Wenn alles gut
geht und Du einfach in der Mitte der Bahn mit Deinem Ball bleibst,
also in der Mitte Fairway, dann sollte das auch bei ausreichender
Länge der Schläge gelingen. Ausserhalb des Fairways lauert das
Übel, in Form von Sandbunkern, Bächen und Seen, Büschen und Bäumen
oder einfach nur ungemähtes Grünzeug, was sich dann Rough
nennt.
Es ist also ganz einfach, denn der Ball muss ja nur
durchschnittlich zwischen 80 und 200 Metern weit fliegen und
ausserdem hat man dazu diverse Schläger wie lange Eisen, kurze
Eisen, Wedges, Hölzer, Driver und Putter.
Mit dem Putter kullert man den Ball einfach nur ins Loch, was auch
funktioniert, denn den setzt man nur auf dem ganz kurzen Rasen rund
ums Loch ein, was sich Green nennt.
Soviel zu den Rahmenbedingungen. Das Problem liegt aber im Detail
und davon gibt es viele. Details gibt es zum Beispiel beim Schlag,
der eigentlich aber ein Schwung ist. Nehmt doch mal einen
Tennisball, geht auf die Wiese und probiert ein Ziel in ca. 40
Metern zu treffen. Und was habt Ihr erlebt? Genau, mal getroffen,
mal zu kurz, mal zu lang, mal "verzogen". Genau so ist das beim
Golf auch. Da Ihr hier aber Schläger habt, mit denen Ihr bis weit
über 200 Meter weit schlagen könnt, ist jede minimale Abweichung,
auf die Länge gesehen, weit vorbei! Und wenn der Schlägerkopf, der
je nach Schläger eine bestimmt Neigung hat, etwas schief oder zu
flach oder zu steil auf den Ball trifft, so fliegt der anders als
erwartet... nach links, rechts oder im schlimmsten Fall hoppelt er
nur ein paar Meter weiter. Gleiches gilt natürlich auch, wenn Ihr
den Winkel Eures Rückens, der Arme, Hände, Kopfhaltung und
Körpergewicht verändert. Es muss also alles im Einklang sein.
Nicht zu vergessen ist auch, das es manchmal windet oder regnet.
Und der Ball selbst liegt auch immer anders. Schaut Euch mal einen
Rasen im Park an, genau, da liegen Äste oder Steine, sind Pfützen
oder Löcher oder was auch immer.
Es gibt also viele Gründe, warum nicht immer alles glatt läuft.
Bisher haben wir aber immer nur über technische oder körperliche
Dinge gesprochen, die für das Handicap eines Golfers sorgen. Das
Handicap gibt die durchschnittliche Leistung, sprich Anzahl Schläge
über den vorgegebenen Par Angaben eines Platzes an. Vielmehr ist es
der Kopf, der das Spiel zum Nervenpoker machen lässt!
Es sind, genauer gesagt, die Gefühle, der Ehrgeiz, die Wut und
Enttäuschung, die Überheblichkeit und der Scham. Ihr glaubt nicht,
wie sich jeder Golfer freut, wenn ein Mitspieler (Flight-Partner)
den ersten Schlag versaut. In jedem steigt die Erleichterung, dass
"er" sich blamiert hat. Jeder zeigt in diesem Moment eine Art
Grossherzigkeit und versucht die Ursachen zu analysieren. In der
Regel hat der arme Kerl auch gleich eine Erklärung, wie Stress und
keine Zeit zum Aufwärmen oder aber in Gedanken noch bei dem Problem
in der Firma. Das peinliche beim Golf ist scheinbar, dass der Ball
sich nicht bewegt. Er liegt da, lächelt einen an und wartet, bis
man mit dem richtigen Schläger den richtigen Schlag gemacht hat
und dampft dann ab in Richtung Fahne. Und hat man erst mal
einen Schlag versaut, dann ist die ganze Strategie wieder am
A....
Der Ehrgeizige fängt nämlich nicht einfach an zu schlagen. Nein,
bei ihm fängt die Runde schon Tage vor der reservierten
Abschlagszeit (Tee-Time) an. Man geht jede Bahne zig mal in
Gedanken durch, kennt jedes Hindernis und hat ein Rezept
(Strategie) für jeden Schlag. Abschlag mit Eisen 5, 180 Meter
leicht rechts auf´s Fairway, danach ein Pitch mit Eisen 9, 110
Meter über das Gebüsch auf Mitte Fairway und anschliessend ein Chip
mit dem Wedge, ca. 25 Meter aufs Grün. Ein Putt und die Bahn ging
mit Par!
Je näher es an den Abschlag geht, um so mehr versucht man seine
aktuelle Verfassung innerlich zu checken. Bin ich gut drauf oder
soll ich doch lieber Holz 3 nehmen und dafür "locker" schwingen?
Fühle ich mich gut oder sollte ich sicherheitshalber doch die Mitte
anhalten, statt an den Rand des Fairways zu schlagen? Wenn ich zu
'lang' bin, dann liege ich im Rough, wenn ich verziehe ist es
vielleicht ganz aus, weil ich nämlich hinter die weissen Pfähle
komme was definitiv AUS ist. Vielleicht sollte ich doch lieber noch
schnell auf die Driving Range und ein paar Bälle schlagen. Ach
nein, die Zeit ist zu knapp und die Driving Range ist eh nicht
gleich mit dem Platz. Jetzt geht es los und der erste teet den Ball
auf, d.h. er legt beim Abschlag (und nur da darf man den Ball mit
der Hand berühren) den Ball etwas erhöht auf ein Holzstöckchen
(Tee). Was hat er für einen Schläger? Ein Holz 5. Soll ich
vielleicht doch auch lieber ein Holz nehmen. Nein, ich bleibe beim
Eisen, da fühle ich mich sicherer. Schaffe ich wirklich den Pitch
beim 2. Schlag oder war ich mal wieder zu optimistisch? Diese und
ähnliche Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Wie war das bei der
letzten Rund? Aber da war ich eh nicht gut drauf. Die vorletzte
Runde, ja, da war ich gut drauf und hab' das genau so gemacht, wie
ich es jetzt machen werde. Jetzt bin ich dran, nur nicht nervös
machen lassen. Ich tee den Ball auf und achte auf meine Hände.
Bleib ruhig. Ich denke an mein Ritual. Immer der gleiche Ablauf,
das ist die Voraussetzung für Kontinuität und die ist
voraussetzung, dass ich immer gut spiele. Ich gehe hinter den Ball
und schaue über den Ball bis zu dem Punkt, den ich anspielen
möchte. Ich peile über den Ball und merke mir einen hochstehenden
Grashalm auf der Linie Ball-Landepunkt. Den muss ich anpeilen. Ich
stelle mich jetzt vor den Ball, meine Schultern in eine Linie
Richtung angepeilter Fluglinie, d.h. etwas nach links, denn ich
stehe ja ein Stück neben dem Ball. Jetzt locker bleiben.
Ausrichtung, Fussstellung, Schultern, Oberkörperlage, Arme und
Hände. Ich überprüfe alles noch mal in Sekundenbruchteilen und dann
geht´s los. Ich merke schon während des Schwunges, ob es was wird
oder nicht. Ein leiser klick und der Ball schiesst in die
angepeilte Richtung...
Wow, was für ein irres Gefühl. Kerzengerade bohrt sich der Ball in
den Himmel. Ich bemerke die bewundernden Blicke der anderen und das
tut verdammt gut. So als nichts gewesen hebe ich mein Tee auf,
packe den Schläger in das Bag und schaue dabei musternd in Richtung
Ball, der jetzt auch langsam landet. Ein super Schlag!
Warum habe ich mir nur vorher sooo viele Gedanken gemacht. Hey,
Alter, nicht leichtsinnig werden. Da war der erste von 70, 80, 90,
100 oder mehr Schlägen.... je nachdem, wie es weitergeht. Und ich
verspreche Euch, so geht das bei jedem Schlag. Entweder
Himmel-hoch-jauchzend oder zu-tode-betrübt. Aber das nächste Mal,
das weiss ich jetzt schon, werde ich mir keine Gedanken über mein
Handicap machen und einfach nur das Spiel geniessen.... und
dann mache ich bestimmt keine dummen Fehler (und dann werde ich
endlich.....)

