Der Hund denkt


Der Hund kann nicht denken. Er hat kein Zeitgefühl und kann den Menschen nicht verstehen. Worte geben für ihn keinen Sinn, er kann nur assozieren, d.h. eingeübte Verhaltensweisen mit Worten (Befehlen) verknüpfen. Moral ist ihm fremd und zwischen Gut und Böse kann er nicht unterscheiden. Er ist ein Raubtier, der rein von seinem Jagdinstinkt geleitet wird und lediglich seinem Überlebenswillen und seinem Fortpflanzungstrieb unterliegt. Er ist ein Raubtier. Sein Gehirn ist klein und er ist stets unberrechenbar. Er legt keinen Wert auf sein Äusseres und seine „Besitzer“ sind ihm egal.
Wir sind uns einig, was sollen wir mit so einem gefühlslosen, dummen Raubtier anfangen? So, oder so ähnlich herrscht die weit verbreitete Theorie über die Gattung Hund. Ich habe meine eigene These dazu....
Der Hund denkt. Er hat Gefühle. Die Uhrzeit kann er nicht lesen, aber er hat ein sehr gutes Zeitgefühl. Er will seinem „Besitzer“ gefallen und berechenbar ist er auch, so, wie Menschen berechenbar sind. Wir unterscheiden uns also diesbezüglich nur gering von einem Hund, einem Raubtier.
Ein Retriever liegt jeden zweiten Dienstag im Monat gegen 19.50 Uhr vor der Haustüre. Kommt Herrchen nicht gleich vorbei, dann geht er ihn holen. Warum? Nun, Herrchen geht alle zwei Wochen Dienstags um kurz vor 20.00 Uhr zu seinem Skat-Abend. Ein Neufundländer liegt jeden Werktag ab 17.oo Uhr vor dem Hoftor von Freunden, wo er seinen Tag verbringt. Warum? Etwa ab dieser Zeit wird er von seinem Herrchen abgeholt. Ist das ein Zeitgefühl? Ich behaupte Ja, andere behaupten Nein. Es ist wie es ist. Fragen wir jemanden auf der Strasse, der keine Armbanduhr trägt, wie spät es ist. Wir bekommen unterschiedliche Aussagen, genauere oder ungenauere. Ein Hund bekommt immer Montags Durchfall. Seine Ernährung ist immer gleich, lediglich die Tatsache, dass er an Werktagen tagsüber nicht zuhause ist unterscheidet sich vom Wochenende. Hat er keine Lust auf Montage, auf die Arbeitswoche, so wie wir hin und wieder?
Gestern sitze ich im Auto, es ist der erste Tag der Woche mit leichter Bewölkung. Wir waren mit Hund unterwegs und ich blicke auf die Uhr. Es ist 14.30 Uhr. Ich bin erstaunt, denn ich hätte erwartet, dass es schon viel später ist. Habe ich jetzt assoziert, ist es etwas dunkler und somit später am Tag? Sind es die vielen Eindrücke dieses Tages? Wahrscheinlich von allem etwas, also habe ich nur assoziert. Ich habe viele Dinge, wie Erledigungen, Erlebnisse oder Einkäufe mit einer Zeitspanne verglichen und daraus auf die Zeit zurückgeschlossen. Was unterscheidet das von der Assoziierung eines Hundes auf die Zeit. Ist es Hunger oder Durst? Sind es Erlebnisse? Wenn ich mir die Beispiele mit dem Stammtisch oder des „Montagsyndroms“ ansehe, so haben sie mit Hunger, Durst, Erlebnisse des Tages oder der Jahreszeit (hell/dunkel) nur wenig bis nichts zu tun. Ich behaupte, dass der Hund ein Zeitgefühl hat!

Der Hund kann Menschen verstehen! Ich bin in einem fremden Land, im Urlaub. Tausend neue Eindrücke, fremde und zum Teil völlig andersartige Baustile. Geld, das ich noch nie gesehen und in Händen gehalten habe. Schriftzeichen, die mir nichts sagen. Nur am Schaufenster erkenne ich, ob es sich bei dem Geschäft um eine Bäckerei oder eine Metzgerei handelt. Es ist mir alles fremd und ich versuche mich zu orientieren. Es fällt mir nicht leicht, weil ich die Sprache der Menschen weder verstehe noch sprechen kann. Ich versuche mich an anderen anzulehnen. Vor diesem Gebäude stehen lauter Schuhe und ich blicke nach drinnen. Dort sind Menschen, die keine Schuhe tragen. Ich werde neugierig, ziehe meine Schuhe aus und betrete das Gebäude. Stimmengewirr, skurille Gesten!
Handelt es sich um eine Art von Kirche. Klingt das hier alles religiös? Ich versuche zu vergleichen, durchkämme Erinnerungen und Erfahrungen. Versuche nicht aufzufallen und beobachte die Gesichtsausdrücke der Anwesenden. Sind sie freundlich oder schauen sie mich grimmig an, wenn letzteres, dann versuche ich herauszufinden warum. Dieses Verhalten unterscheidet sich von einem Kleinkind dadurch, dass ich älter bin und dadurch bereits mehr Erfahrungen in meinem Leben gesammelt habe.
Was macht der Hund? Grundsätzlich das gleiche. Er hat gelernt, dass er nicht im Garten sein Geschäft erledigen soll, sondern im Wald oder Waldrand, am Stadtrand oder eben überall, nur nicht in der Stadt. Jetzt sind wir unterwegs in einer fremden Gegend. Dort ist ein Stück Grünstreifen. Ich gehe hin und gehe her, aber er macht keinen Haufen. Warum? Der Grünstreifen ist gesäumt von Geschäften der Kollegen und Kolleginnen. Aber er ist auch frisch gemäht. Hält er diesen Grünstreifen nun für einen Garten, nur weil er frisch gemäht und deshalb „gepflegt“ aussieht. Ich entdecke einen unbefestigten Weg, der ins Feld führt. Wir gehen dort hin und ein paar Meter weiter macht er seinen Haufen. Ich behaupte, er hat verschiedene Erfahrungen bewertet und entschieden, dass es sich hier um einen Garten handeln muss. Garten gleich keinen Haufen!
Ebenso gibt es zahllose Beispiele, die sowohl bei Hund, als auch bei Fischen oder Vögeln den Verdacht erwecken, dass sie denken. Unsere Koi-Karpfen beispielsweise, sie schmatzen an der Wasseroberfläche wenn sie Hunger haben. Unsere Exoten-Vögel schreien, bis sie endlich Futter und frisches Wasser bekommen haben. Unser Neufundländer schleicht um uns herum und „schmatzt“ oder geht zum Napf (wenn wir in der nähe sind) und schleckt am leeren Napf. Warum tun die das? Ist das Instinkt? Die Fische begeben sich in Gefahr, wenn sie an der Wasseroberfläche sind, die Vögel locken gefährliche Gegner wie Katzen an und der Hund, der schleckt sicherlich nicht an seiner noch lebenden Beute. Klar haben sie alle Hunger und sie haben die Erfahrungen gemacht, dass ein solches Verhalten die Erlösung vom Hunger bringen kann. So, wie ein Kind gelernt hat seinen Willen durchzusetzen. Dazu muss man aber denken können. Man muss Erfahrungen assoziieren und in Bezug bringen können. Man muss sich vielleicht auch über Instinkte hinwegsetzen. Geht das ohne zu denken? Der erwartet gewisse Dinge, wenn er etwas tut und er reagiert auf gewisse Dinge entsprechend unterschiedlich.
Dem Hund geht es nicht gut. Es ist heiss, er ist müde und schlapp. Er bewegt sich nur rudimentär und schläft den ganzen Tag. Ich rufe den Tierarzt an, denn er hatte kürzlich Durchfall und ich wollte auf Nummer-Sicher gehen. Wir fahren hin, er steigt aus dem Auto und wir betreten die Tierarztpraxis. Er tollt umher, ist bester Laune und ich wundere mich nur. Wir verlassen die Praxis und fahren an einen Fluss. Er springt umher, läuft flink wie ein Wiesel und springt über Hindernisse. Was war geschehen. Der Tierarzt hat nichts gemacht, wie haben uns unterhalten und er hat ihn untersucht. Ist es das Phänom, das die Zahnschmerzen weg sind, wenn wir zum Zahnarzt kommen? Gute Frage, ich behaupte mal, etwas von dieser Art der „Wunderheilung“ muss es sein. Unterscheidet sich der Hund, das Raubtier so sehr von uns? Ich behaupte Nein, denn er denkt, fühlt, vergleicht, assoziiert und reagiert dementsprechend. Machen wir uns das bewusst, so wird er auch berechenbar. Verfolgt er Radfahrer oder Jogger immer, oder nur in bestimmten Situation? Tut er es nur, wenn er schlecht drauf ist, wenn er Bauschmerzen hat oder sich über einen Kollegen geärgert hat, der nicht mit ihm spielen wollte. Ich habe beobachtet und genau dieses Verhalten festgestellt, zumindest bei Hunden, die eine grundlegende Sozialisierung hinter sich haben.
Hunde sind wie wir, wir sind gut oder schlecht drauf. Wir sind Morgenmuffel oder Frühaufsteher. Wir lassen unseren Frust so oder so raus. Wir sind berechenbar oder weniger. Wir lernen schnell oder langsam. Wir denken mehr oder weniger. Wir sind lieb oder eben nicht. Wir haben Gefühle und sind verletzlich.
Der Hund denkt und der Mensch lenkt. So, oder so!